„Grundsätzlich ist alles möglich!“: Biathlon-Bundestrainer Jens Filbrich im Interview mit dem LSB
01.09.2026 – Michael Heinze
Herr Filbrich, was kann RLP tun und bewegen, um Jugendlichen den Weg zum Biathlon-Spitzensport zu ebnen?
Wichtig wäre, dass man schießen kann und einen Schießstand hat, wo man regelmäßig draufkäme, um Luftgewehr oder vielleicht sogar Kleinkaliber zu schießen. Ich weiß, dass es Schützenvereine gibt, die diese Biathlon-Schießscheiben für Luftgewehr und auch Kleinkaliber haben. Und dann ist es eigentlich immer möglich. Zum Beispiel läuft man zu Fuß auf kleinen Runden und geht dann immer wieder rein in den Schützenverein, um dann auch schießen zu können. Auch das Grundlagenschießen könnte man richtig gut im Schützenverein machen. So könnte man den Biathlonsport auch in Regionen fördern, die kein Biathlonstadion haben. Vielleicht gibt es sogar in der Nähe des Schützenvereins einen Radweg oder eine wenig befahrene Straße, um dort Skirollern zu können. Dann wäre auf jeden Fall einiges möglich, wenn solch ein Schützenverein vor Ort ist und sich auch bereit erklärt junge Sportler zu unterstützen, die den Traum haben, Biathlet zu werden.
Kennen Sie die Aktivitäten des SRC Heimbach-Weiß – Stefan Puderbach ist dort ja sehr aktiv – und wie bewerten Sie dieses Engagement, das ja eines der größeren, wenn nicht sogar das größte in RLP für den Biathlon-Sport ist?
Ich habe davon gehört. Es ist auf jeden Fall schön zu wissen, dass man in ganz Deutschland und in allen Regionen Biathlon machen kann. Vor allem ist Simon Kaiser hervorzuheben! Simon stammt aus Hoppstädten-Weiersbach in Rheinland-Pfalz – und somit auch nicht aus einer Wintersportregion. Er hat im Alter von zwölf Jahren beim Biathlon-Team Saarland in Lebach mit dem Biathlon begonnen und ist zwei Jahre später nach Oberhof gekommen, um den Sport professioneller betreiben zu können. Mittlerweile ist Simon bei uns in der Nationalmannschaft und startet regelmäßig im Weltcup! Von daher sind schon einige Wege so gewesen, dass man aus Rheinland-Pfalz nach Thüringen gekommen ist oder auch nach Winterberg – wie Jan Stölben. Jan ist hier ein sehr gutes Beispiel für die Sportart Skilanglauf – er ist auch aus Rheinland-Pfalz, aus der Eifel – und war jetzt bei Olympia. Grundsätzlich ist also alles möglich! Und es ist nur zu loben und hervorzuheben, wenn es enthusiastische Trainer oder Betreuer auch in Rheinland-Pfalz gibt, die ein Herz für den Biathlonsport haben.
Braucht es aus Ihrer Sicht eine feste Anlage – Stichwort: Rollerbahn, Schießstände etc. – um Biathlon in rheinland-pfälzischen Vereinen zu fördern?
Ich glaube die klassische Biathlonanlage braucht es nicht wirklich. Wenn man den Schützenverein hat, wo man regelmäßig zum Schießen rein kann und in dessen Nähe man regelmäßig Lauftraining absolvieren kann – entweder auf Rollern oder zu Fuß – dann kann man schon viel bewirken. Gerade für den Nachwuchs, um die Grundlagen zu trainieren und den Spaß am Sport zu vermitteln. Irgendwann wird der Weg sowieso sein, dass ein Talent an einen Bundesstützpunkt oder Nachwuchsstützpunkt geht, um den Sport professionell auf einer richtigen Biathlonanlage auszuüben. Dieser Schritt kommt bei jedem Leistungssportler zu einer gewissen Zeit.
Auf Schnee trainieren ist in Rheinland-Pfalz eher schwierig – und der Wintersportler wird bekanntlich im Sommer gemacht. Aber wie könnte ein solches Training in RLP denn aussehen?
Das kenne ich auch von Thomas (LSB-Hauptgeschäftsführer Thomas Kloth, Red.), der ja auch schon einmal Landestrainer in RLP war. Da wird dann halt nur auf dem Skiroller trainiert. Das ist einfach so, das muss man akzeptieren. Da ist dann vielleicht das Skigefühl nicht von Beginn an da, aber es geht ja nicht anders, wenn man keinen Naturschnee hat. Wenn wir es uns aussuchen könnten, hätten wir den ganzen Winter überall Schnee, um trainieren zu können. Aber selbst an den großen Trainingsstützpunkten gibt es auch mal Phasen, an denen wir auf die Skiroller ausweichen müssen. Da muss man dann einfach das Beste draus machen.
Stichwort Skiroller. Sie haben erklärt, dass es in Deutschland immer weniger Kinder gibt, die dieses Gefühl auf dem Schnee von klein auf haben. Auch in Oberhof nicht, in RLP schon mal gar nicht. Diskutieren Sie in den Trainerteams oder auch international über Nachhaltigkeit im Skisport? Kann sich der Biathlonsport auch dahin entwickeln, das man vielleicht irgendwann wirklich gar nicht mehr auf Ski läuft, sondern nur auf Rollerbahnen und er daher auch gar nicht mehr im Winter stattfindet und vielleicht auch an ganz anderen Orten – etwa mitten in der Stadt?
Berechtigte Frage. Ich weiß, dass sich der Weltverband IBU da auch schon länger Gedanken macht. Stand jetzt ist, dass über nachhaltige Schneekonzepte der Weltcup im Winter auf Schnee aufrechterhalten wird. Man hat Weltcup-Orten wie Oberhof jetzt nicht mehr Anfang Januar den Termin gegeben, sondern Anfang März. Das ist auch ein Schritt von der IBU, um dort mehr Sicherheit für den Schnee zu gewährleisten. Aber es gibt auch wirklich gute Beschneiungskonzepte. Es ist nach wie vor das Ziel, die Rennen auf Schnee durchführen zu können. Im Hintergrund werden sich da viele Gedanken gemacht, wie man den Biathlonsport auch in Zukunft attraktiv gestalten kann. Zum Beispiel im Sommer auch Wettkampfformate in den Städten anbieten. Der City Biathlon in Dresden und das Loop One Festival in München sind super Beispiele dafür. Man muss sich definitiv Gedanken machen, denn keiner weiß, wie es durch den Klimawandel in 30 Jahren aussieht. Vielleicht ist es dann irgendwann so, dass die Kinder nur noch auf dem Skiroller trainieren – und an den Wettkampfort fahren und dort auf Ski laufen.
Nachhaltige Produktion von Kunstschnee ist das eine. Es bleibt weiterhin das Konzept, dass es ein weißes Band geben soll und Schnee, auf dem man läuft. Das kostet viel Geld. Da könnte der Weltverband doch sagen, dass man lieber in Antholz auf der Rollerbahn oder in Oberhof läuft – dort ist ja geteert untendrunter, sodass man quasi ohne Schnee laufen könnte – eben auf Skirollern?
Das ist eine Frage, die eigentlich nur der Weltverband beantworten kann, wie sie strategisch 20, 30 Jahre vorausdenken. Jetzt versuchen sie und auch der Skiverband wirklich alles, um unseren Biathlonsport auf eine sehr ökologische Art und Weise zu machen. Ich bin davon überzeugt, dass es schon sehr gute Konzepte gibt, aber klar ist auch: wir müssen innovativ bleiben. Das Thema mit den Schneedepots, die über den Sommer gelagert werden, ist mittlerweile so gut ausgebaut oder auch die Schneeproduktionsanlagen, wo man Strom über Solaranlagen gewinnt. Auch in Oberhof ist ein sehr nachhaltiges Konzept entwickelt worden, um aktuell weiterhin die Möglichkeit zu haben, dass Biathlon auf Schnee stattfinden kann.
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