Ex-Politiker Otto Fricke nach den ersten 100 Tagen als DOSB-Vorstandsvorsitzender im großen Interview
12.02.2026 – LSB Hessen
Herr Fricke, Sie haben als Jugendlicher und Erwachsener viele verschiedene Sportarten ausprobiert, waren unter anderem als Schwimmer, Volleyballer und Basketballer aktiv. Ein besonderes Interesse haben Sie auch am Baseball. Warum?
Es gibt mehrere Gründe dafür. Erstens: Die Schwester meiner Mutter und zwei Cousins sind US-Amerikaner, sodass das Spiel für mich nie fremd war. Zweitens: Ich habe früher gerne die Sportart Brennball gespielt, die von der Grundidee des Laufspiels dem Baseball ähnelt. Drittens: Nach meinem ersten Staatsexamen stand fest, dass ich die USA besser verstehen möchte und bin deshalb zwei Monate allein dort unterwegs gewesen. Sehr viele Menschen sagten mir: Wenn du die USA verstehen willst, musst du auch Baseball erleben. Ich kannte zumindest schon die Regeln, weil ich zuvor in Freiburg kurz Baseball gespielt hatte und habe mich dann noch intensiver mit der Sportart beschäftigt. Gespielt habe ich danach auch noch. Ich konnte zwar ordentlich werfen, aber nicht präzise genug. Über mein Schlagen will ich lieber nicht reden.
Wie wichtig war der Sport für Ihre persönliche Entwicklung?
Sehr wichtig! Ich kann mich noch an die Zeit in meinem ersten Schwimmverein – der SSF Aegir Uerdingen – erinnern, in dem ich bis heute Mitglied bin und mein Vater einst erster Vorsitzender war. Es war eine schöne und prägende Zeit. Allerdings habe ich früh gemerkt, dass es mich nicht motiviert, jeden Tag zwar hart zu trainieren, mich aber trotzdem nur um ein paar Millisekunden zu verbessern. Hinzu kam, dass ich meist der Kleinste war. Auch der Schulsport spielte für mich eine große Rolle. Im Schwimmen, Basketball und Volleyball war ich in Schulmannschaften unterwegs. Über den Sport habe ich mich viel mit ethischen Fragen auseinandergesetzt und erlebt, dass es keine Rolle spielt, wo ein Mensch herkommt und welche Bildung oder politische und religiöse Einstellung er hat. Gerade in Mannschaftssportarten wird das sehr gut vermittelt.
Ihre ersten 100 Tage als DOSB-Vorstandsvorsitzender sind vorbei. Nach wenigen Tagen hatten Sie in einem Interview gesagt, dass der DOSB viel sportnaher als sein Image sei. Welchen Eindruck haben Sie heute und wie fällt ihre erste Bilanz aus?
Der DOSB ist Dienstleister für den deutschen Sport – und bearbeitet die gesamte Bandbreite im Spitzen- und Breitensport. Dass das sehr spannend ist, habe ich bereits im anspruchsvollen Bewerbungsverfahren gemerkt. Dieser Eindruck hat sich bestätigt, insofern fällt die erste Bilanz sehr positiv aus. Wir haben ein Team mit sehr engagierten Mitarbeitenden, die den Sport lieben. Toll finde ich, wie man beim DOSB über die Entwicklung des Sports und neue Sportarten diskutiert. Hinzu kommt, dass wir eine dynamische und junge Organisation sind und Vielfalt leben. 60 Prozent der Mitarbeitenden sind weiblich, das Durchschnittsalter liegt bei unter 40 Jahren. Ich bin übrigens der einzige Krawattenträger beim DOSB – und das werde ich vermutlich auch bleiben. Deshalb habe sogar ich ein T-Shirt mit aufgedruckter Krawatte und Weste geschenkt bekommen.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Mich hat nicht überrascht, mit welcher Art von Menschen ich hier zu tun habe. Denn ich hatte mich im Rahmen des Bewerbungsverfahrens natürlich informiert, wie die Organisationskultur beim DOSB ist. Etwas überrascht war ich aber darüber, wie sehr sich Politik und Sport ähneln. Dabei hatte ich durchaus schon Erfahrungen im Sport gesammelt. Als Rechtsanwalt habe ich immer wieder Vereine betreut, Satzungen mit entworfen und Mitgliederversammlungen geleitet. Für mich ist jeder Verein gelebte Demokratie, deswegen glaube ich auch an die integrative Kraft des Sports. Dass der organisierte Sport mit seinen Spitzenverbänden und Landessportbünden aber so stark politisiert – und dabei meine ich nicht Parteipolitik – ist, hätte ich trotzdem nicht gedacht. Das ist aber nur dann negativ, wenn der bürokratische Aufwand zu hoch ist. Ansonsten ist der organisierte Sport an vielen Stellen ein gesellschaftlicher Bereich, in dem Demokratie gelebt wird – mit all ihren positiven Seiten, aber auch Macken.
Auf Ihrer ersten Mitgliederversammlung Anfang Dezember wurden sechs Ziele beschlossen, die bis 2035 erreicht werden sollen. Hierzu zählt die Steigerung der täglichen Bewegungszeit, aber auch die Rückkehr unter die besten fünf Nationen im Spitzensport. Welches Ziel ist Ihnen besonders wichtig?
Die Ziele stehen alle gleichberechtigt nebeneinander, weil sie ineinandergreifen und voneinander abhängen. Die Rückkehr unter die besten fünf Nationen im Spitzensport bei Sommerspielen kann nur gelingen, wenn die Basis intakt ist. Ohne Breite keine Spitze und ohne Spitze keine Breite – diesen Satz kritisieren manche, aber er stimmt. Wenn ich mich für ein Ziel entscheiden müsste, dann wäre es die Stärkung eines sicheren Umfelds. Vereine müssen Orte der Gemeinschaft und Gesundheit sein, an denen sich alle Menschen willkommen fühlen und sicher Sport ausüben können. Sich beim Sport wohlzufühlen, halte ich für ganz wichtig – gerade bei Kindern und Jugendlichen. Wenn sie als Kind schon nie gerne zum Sport gegangen sind, haben sie als Erwachsene oft Schwierigkeiten und erkennen möglicherweise nicht, dass Sport gut für sie ist.
Das Thema Olympia-Bewerbung spielt für den DOSB eine große Rolle. Mit Hamburg, Berlin, München und der Region Rhein-Ruhr gibt es vier nationale Bewerber, die im September dieses Jahres auf den Zuschlag vom DOSB hoffen. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Verlauf des Prozesses?
Sehr zufrieden! Gerade vor dem Hintergrund, dass es einige kritische Stimmen gab und manche dachten, dass das gar nicht gelingen kann. Wir haben jetzt ein Verfahren mit einem guten Wettbewerb, in dem die Bewerber durch den Wettbewerb besser werden, innovative Ideen entwickeln, dabei auch Nachhaltigkeitsaspekte umfassend berücksichtigen, und die Frage in den Mittelpunkt stellen, wie man für die Athletinnen und Athleten gute Spiele ermöglichen kann. Für den DOSB war es besonders wichtig, ein faires und transparentes Verfahren zu entwickeln, das Akzeptanz findet. Das ist uns bisher gelungen.
Manche Kritiker monieren, dass man einen nationalen Kandidaten hätte festlegen sollen, um Ressourcen zu sparen. Wäre das aus Ihrer Sicht eine sinnvolle Option gewesen?
Eine Option wäre das gewesen, aber aus meiner Sicht keine sinnvolle. Denn dann hätte man uns doch wieder die berühmte Hinterzimmerpolitik vorgeworfen. Die Frage wäre gewesen, wer in diesem Fall festgelegt hätte, mit welcher Stadt sich Deutschland bewirbt. Bei der Auswahl einer passenden Stadt hätte der DOSB deshalb auch in diesem Fall ein vielschichtiges Verfahren entwickeln müssen. Das wenden wir nun auf die vier Bewerber an und lassen dann am 26. September unsere Mitgliederversammlung im Rahmen der DOSB-Satzung entscheiden. Wichtig ist, dass auf dem Weg zum 26. September die Mitgliedsorganisationen bereits eingebunden werden, allen voran die Olympischen Verbände, aber auch Landessportbünde und der Deutsche Behindertensportverband über verschiedene Arbeitsgruppen. Es geht ja schließlich auch um eine Bewerbung für die Paralympics. Das ist gelebte Demokratie – und das hält der DOSB für den besseren Weg. In München hat sich die Bevölkerung mit deutlicher Mehrheit für eine Olympia-Bewerbung ausgesprochen.
Wie groß war bei Ihnen die Erleichterung?
Das war ein wichtiger Schritt, weshalb ich hinterher schon etwas durchatmen musste. Ich war allerdings im Vorfeld optimistisch gewesen, weil die Umfragen auf einen erfreulichen Ausgang hingedeutet hatten. Für die Stimmung im Land war das von hoher Bedeutung, sie ist nun wesentlich positiver als vorher. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass auch die Bürgerentscheide der anderen Bewerber erfreulich verlaufen werden.
Über den Nutzen von Olympischen Spielen für Sport und Gesellschaft wird gerne kontrovers diskutiert. Welche Chancen verbinden Sie mit Olympia in Deutschland?
Ich werde manchmal gefragt: Braucht man die Spiele, um die Bevölkerung nachhaltig in Bewegung zu bringen? Ich sage dann: Man könnte es auch anders machen, aber Olympia kann ungemein dabei helfen, als Beschleuniger wirken. Ich möchte in diesem Zusammenhang an die Trimm-Dich-Bewegung erinnern, die in den 1970er-Jahren durch die Olympischen Spiele in München ausgelöst wurde. Aber auch gesamtgesellschaftlich betrachtet können Olympische und Paralympische Spiele eine wichtige Rolle spielen. Unser Land sucht in diesen schwierigen Zeiten nach neuen Zielen. Die Menschen spüren, dass sich etwas verändern muss – und auf diesem Weg kann Olympia in Deutschland hilfreich sein. Die Spiele werden nicht die gesamte Wirtschaft retten, aber sie können Entwicklungen anstoßen – beispielsweise im öffentlichen Personennahverkehr oder bei der Sportinfrastruktur – und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.
Im Breitensport gibt es andere Themen als eine deutsche Olympia-Bewerbung. Im Mittelpunkt stehen eher marode Sportstätten, zunehmende Bürokratie oder die Frage, wie man dem Mitgliederboom mit immer weniger Ehrenamtlichen gerecht werden kann. Können Sie es verstehen, wenn sich ein Vorsitzender eines kleinen Vereins dem Thema Olympia versperrt?
Ja, das kann ich, weil ich selbst Mitglied in kleinen Vereinen bin und deshalb weiß, mit welchen Problemen Vorstände zu kämpfen haben. Wir setzen uns ständig damit auseinander, wie wir als oberster Dienstleister des Deutschen Sports den Vereinen helfen können. Wir dürfen uns nicht in die Arbeit der Landessportbünde und Fachverbände einmischen, aber wir können auf Entscheidungen auf Bundesebene einwirken. Die Erhöhung der Ehrenamts- und Übungsleiterpauschalen zum 1. Januar 2026 ist ein Beispiel dafür. Eine unserer größten Herausforderungen ist derzeit das Herrenberg-Urteil, nach dem ein Großteil der auf Honorarbasis arbeitenden Musikschullehrer*innen eigentlich fest angestellt sein müssten und somit sozialabgabenpflichtig sind. Wir müssen verhindern, dass sich das auf die Beschäftigung von Trainer*innen in Vereinen auswirkt, die dann große Probleme bekommen würden.
In der Bundesregierung gibt es mit Christiane Schenderlein seit einigen Monaten eine Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, wofür sich der DOSB eingesetzt hatte. Wie wichtig war dieser Schritt und was hat er bereits bewirkt?
Er hat dazu geführt, dass die Themen des Sports noch besser im Kanzleramt mitgedacht werden. Ich habe Frau Schenderlein in der vergangenen Legislaturperiode als Sprecherin für Kultur und Medien der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kennengelernt. Ich habe schnell gemerkt, dass man mit ihr gut zusammenarbeiten kann. Sie hat die Grundbegeisterung für den Sport und will ihn auf Bundesebene mehr ins Licht rücken.
Mit einer sogenannten Sportmilliarde setzt sich der Bund für den Erhalt der Sportinfrastruktur ein – unter anderem mit dem Programm Sanierung kommunaler Sportstätten. Aus Sicht der Vereine ist es eine Enttäuschung, weil sie nicht antragsberechtigt sind, den Umweg über die Kommunen gehen müssen und die Antragsfristen kurz sind. Ist das aus Ihrer Sicht unglücklich verlaufen?
Man sollte das Thema mit einer Zwei-Stufen-Theorie betrachten, die ein ‚ob‘ und ein ‚wie‘ beinhaltet. Es war eine unserer zentralen Forderungen, die Sportmilliarde zu bekommen – das ist uns gelungen. Natürlich hätten wir sie lieber jährlich als über die komplette Legislaturperiode über vier Jahre bekommen, aber das war trotzdem ein Erfolg. Hervorzuheben ist auch, dass die Sportmilliarde in die Wege geleitet wurde, obwohl der Bund eigentlich nicht für den Erhalt der Sportstätten zuständig ist. Jetzt komme ich zum ‚wie‘, also zur Umsetzung des Programms: Natürlich wäre es wünschenswert, wenn der Bund den Kommunen das Geld zur Verfügung stellt und sie dann frei entscheiden können. Das geht aber aus juristischer Sicht leider nicht. Das Problem besteht darin, dass es einerseits viele Sportstätten in kommunaler Hand gibt. Andererseits gibt es aber auch Vereine, die eigene Sportstätten haben oder kommunale Sportstätten betreiben. Hier den richtigen Ausgleich zu finden, ist mit Sicherheit nicht einfach. Ich denke aber, dass die Kommunen die Gegebenheiten vor Ort im Blick haben und die vereinseigenen Sportstätten berücksichtigen.
Der bundesweite Sanierungsstau beläuft sich auf weit über 30 Milliarden Euro, den die Länder und Kommunen ohne die Unterstützung des Bundes wohl nicht bewältigen können. Welche Erwartungen haben Sie an den Bund für die kommenden Jahre?
Hierzu muss man folgendes wissen: Die Länder und Kommunen haben eigentlich mehr Geld als der Bund, der nur etwa 39 Prozent der Steuereinnahmen bekommt. Ich sehe aber natürlich, wie schwierig es die Länder und Kommunen auf allen Ebenen haben. Deshalb sage ich: Wir brauchen eine Verstetigung der Bundesmittel. Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, dass es hier keinen Abbruch gibt. Wir brauchen – über die aktuelle Legislaturperiode hinaus – ein fortlaufendes System, das immer besser, aber nicht immer bürokratischer wird und als Optimist bin ich da guter Hoffnung.
Die Fragen stellte Daniel Seehuber
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