Interkulturalität im Schwimmsport: „Integration durch Sport“ gibt Impulse bei DSV-Fachtagung
30.09.2026 – Lisa Engelhard
Wenn Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist
Wie fühlt es sich an, wenn man aufgefordert wird, etwas zu tun, aber nicht versteht, was genau von einem erwartet wird? Eine Selbsterfahrungsübung versetzte die Teilnehmenden zu Beginn des Workshops in eine solche Situation. Auf diese Weise wurde unmittelbar erfahrbar, wie verwirrend und überfordernd Situationen sein können, in denen wichtige Informationen oder Erklärungen fehlen.
Die Übung eröffnete den Austausch darüber, was es für Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte bedeuten kann, in einen Schwimmverein zu kommen. Denn vieles, was im deutschen Schwimm- und Vereinsalltag selbstverständlich erscheint, ist es nicht für alle Menschen.
„Das war sooo gut, dass wir das selbst erleben durften. Das werde ich so schnell nicht vergessen!“, fasste eine Teilnehmerin ihre Erfahrung anschließend zusammen.
Viele Hürden bleiben unsichtbar
Schwimmenlernen ist in vielen Ländern kein Standard im Kindesalter. Auch unterschiedliche Vorstellungen von Badebekleidung, etwa im Zusammenhang mit Burkinis, oder von Geschlechtertrennung können eine Rolle spielen. Hinzu kommen Sprachbarrieren – beispielsweise beim Verstehen von Sicherheitsanweisungen, Baderegeln oder technischen Erklärungen.
Auch unterschiedliche Vorerfahrungen mit Wasser müssen berücksichtigt werden. Manche Geflüchtete oder Menschen mit Migrationsgeschichte bringen möglicherweise traumatische Erfahrungen mit tiefem Wasser mit und benötigen eine besonders sensible und zeitintensive Wassergewöhnung. Gleichzeitig können die Strukturen des deutschen Vereinssystems – von Mitgliedsbeiträgen über Kursanmeldungen bis hin zu Versicherungsfragen – zusätzliche Hürden darstellen.
Dabei bleiben viele Herausforderungen zunächst unsichtbar. Von Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Migrationsgeschichte wird dennoch häufig erwartet, dass sie im Sport unmittelbar funktionieren und Leistung zeigen. Umso wichtiger ist es, die unterschiedlichen Voraussetzungen wahrzunehmen und Angebote entsprechend anzupassen.
Ein Parcours, der mehr sichtbar macht als „kann schwimmen“ oder „kann nicht schwimmen“
Einen konkreten Ansatz stellte Alejandro Carrizo Paz, Olympiateilnehmer von 1996 im Freestyle, mit seinem eigens entwickelten Schwimmparcours vor.
Der Parcours arbeitet nicht mit einem klassischen Schwimm- oder Abzeichentest, sondern mit spielerischen Aufgaben mit steigender Komplexität. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie bewegt und verhält sich das Kind im Wasser? Beobachtet werden unter anderem Wasservertrautheit, Orientierung, Atmung, Schweben, Körperlage, Vortrieb, Koordination, Anpassungsfähigkeit und Selbstständigkeit.
Ein besonderer Vorteil: Der Parcours erklärt sich selbst und setzt kein Vorwissen in der deutschen Sprache voraus. Damit kann er insbesondere für Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte hilfreich sein.
Statt ein Kind vorschnell mit „kann schwimmen“ oder „kann nicht schwimmen“ zu versehen, ermöglicht der Parcours einen differenzierten Blick: Was kann das Kind bereits sicher und selbstständig? Unter welchen Bedingungen funktioniert eine Fähigkeit? Welche Unterstützung wird benötigt? Und welche nächsten Lernschritte lassen sich daraus ableiten?
Sicherheit geben, Beziehungen aufbauen, Wege flexibel gestalten
Neben konkreten Maßnahmen wie visualisierten Baderegeln, schrittweiser Wassergewöhnung und kultursensiblen Kursangeboten ging es auch um die Haltung der Übungsleitenden. Die Präsentation fasst diese in drei Grundsätzen zusammen: konsequent bei der Sicherheit, flexibel beim Weg; Beziehung vor Leistung; keine Angst vor Fehlern.
Das Team von „Integration durch Sport“ Rheinland-Pfalz freut sich sehr, bei der DSV-Fachtagung „Gemeinsam und sicher“ einen fachlichen und praxisnahen Input gegeben zu haben und gemeinsam mit den Teilnehmenden über Zugänge, Barrieren und Möglichkeiten für mehr Vielfalt im Schwimmsport ins Gespräch gekommen zu sein.
Ansprechperson
Programmreferentin „Integration durch Sport“ Rheinland
- m.blumenkamp@lsb-rlp.de
- Telefon
- 06131 2814-415
- Standort
- Geschäftstelle des Sportbund Rheinland (Koblenz)