Mehr als 80 Teilnehmer aus ganz RLP / Expertentipp: Bei Baumaßnahmen nichts übers Knie brechen

Digitales Forum zu Rasensystemen stößt auf reges Interesse

26.04.2021 –  Michael Heinze

Vereine sollten sich davor hüten, Baumaßnahmen an ihren Sportplätzen übers Knie zu brechen. Das betonte Cheforganisator Stefan Henn vom Trierer Institut für Sportstättenentwicklung (ISE) nach dem Digitalen Forum „Rasensysteme in der Diskussion – Status quo und Perspektiven“, zu dem das ISE in Kooperation mit Landessportbund sowie Kommunalen Spitzenverbänden geladen hatte. Im Anschluss an die Veranstaltung mit mehr als 80 Vertreter*innen oder Vereinen und Verbänden sowie Mitarbeiter*innen der Kommunalen Sportverwaltungen und Kommunalpolitiker*innen sprach SportInForm mit ISE-Leiter Henn.

Herr Henn, was war das Besondere an diesem Forum?
Aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie und den daraus resultierenden Kontaktbeschränkungen mussten wir die Veranstaltung digital durchführen. Dazu hatten wir mit den EDV-Spezialisten vom Bildungswerk des LSB kurzgeschlossen und ein digitales Sendestudio in der Europäischen Akademie des Rheinland-Pfälzischen Sports in Trier eingerichtet. Bei einer digitalen Veranstaltung dieser Größenordnung konnten wir so für beste technische Bedingungen und Regie sorgen, sodass die Referenten, aber auch die Teilnehmenden beste Voraussetzungen vorfanden. Mit der digitalen Form wollten wir auch ein Zeichen setzen, dass wir trotz Pandemie gemeinsam Mittel und Wege finden, sicher mit unserer Arbeit für Sportvereine, Verbände und Kommunen in RLP weiterzumachen. Aber die Veranstaltung war auch aus einem anderen Grund besonders: Wir haben die Chance genutzt, unserem langjährigen Kollegen Harald Petry zu danken. Er hat die Reihe über Jahre maßgeblich geprägt und geht jetzt in den wohlverdienten Ruhestand. Deshalb hatten wir gemeinsam mit den Kolleg*innen beim LSB eine kurze Verabschiedung ins Programm eingebaut.

Das Forum hat versucht, einen breiten Rahmen von der politischen bis zur bautechnischen Ebene bei den unterschiedlichen Sportrasensysteme zu spannen, oder?
Das stimmt. So hat uns Karsten Dufft vom DOSB die aktuellen sportpolitischen Entwicklungen zur Begrenzung von Mikroplastik als Granulat auf Kunststoffrasenplätzen nähergebracht. Dies betrifft sowohl die Ebene der EU als auch die nationalen Umsetzungsstrategien in den Mitgliedsstaaten – und damit auch bei uns in RLP. Die anderen Referenten haben auf dieser Basis Lösungsmöglichkeiten zur Umsetzung von Sportplätzen mit unterschiedlichen Rasensystemen vorgestellt.

Warum ist das Thema „Rasensysteme“ so aktuell?
Sportplätze zählen zu den häufigsten Sportstätten. Sie sind die Grundlage für das Sporttreiben vieler Menschen und damit auch die Basis für viele Sportvereine in RLP. Auch der Schulsport nutzt Sportplätze für die Übungsstunden. Dabei ist ein Sportplatz jedoch nicht immer gleichzusetzen mit einem Fußballplatz. Ein Sportplatz kann für viele Sportarten nutzbar sein. Bringt man diese vielfältige Nutzung mit der aktuellen Diskussion um ein mögliches Verbot von Mikroplastik auf Kunstrasenplätzen und Fragen des Natur- und Klimaschutzes zusammen, ergibt sich ein spannendes Themenfeld, das es mit allen Akteuren offen zu diskutieren gilt.

Welche renommierten Experten haben referiert?
Zum Thema „Status quo und Zukunftsfähigkeit von Kunststoffrasensystemen“ referierte Karsten Dufft, Referent Sport/Umwelt beim DOSB. Mit der „Zukunft des Kunstrasens – Klima-Umwelt-Nachhaltigkeit“ hat sich Rolf Haas, stellvertretender Vorsitzender der Internationalen Vereinigung Sport- und Freizeiteinrichtungen Deutschland, beschäftigt. „Sportrasen – der natürliche Sportplatzbelag in Gegenwart und Zukunft“ war die Überschrift des Vortrags von Dr. Harald Nonn, Vorsitzender der Deutschen Rasengesellschaft und Leiter Forschung & Entwicklung bei der Eurogreen GmbH, während Dr. Paul Baader, Leiter der AG Rasen beim Deutscher Fußball-Bund und Geschäftsführer der Baader Konzept GmbH Mannheim, die Ergebnisse der vergleichenden Untersuchungen an verschiedenen Hybridrasensystemen präsentiert hat. Herr Dufft hat dabei die Bedeutung des Themas bis hin zur europäischen Ebene sowie das Spannungsfeld zwischen den berechtigten Anforderungen des Sports und den Belangen des Naturschutzes deutlich gemacht, Herr Haas alternative Formen des Infills für Kunstrasenplätze vorgestellt – hier ist mir besonders die Vielfalt an Materialien bis hin zu Olivenkernen in Erinnerung geblieben. Bei Herrn Dr. Nonn hat mich sein Engagement für den klassischen Naturrasenplatz beeindruckt – er konnte alternative Nutzungs- und Pflegekonzepte aufzeigen, die den klassischen Sportrasen wieder als wichtigen Bestandteil einer nachhaltigen Sportplatzentwicklung in Szene gesetzt haben. Der Vortrag von Dr. Baader war der ideale Abschluss, weil er Kunststoff- und Naturrasen zusammengeführt hat. Seine Hinweise zu den Möglichkeiten von Hybridrasensystemen – vor allem für stark bespielte Bereiche des Sportplatzes – haben mich wirklich beeindruckt.

Was waren sonst noch die wichtigsten Erkenntnisse?
Dass es die EINE Lösung nicht gibt. Vor jeder Baumaßnahme muss eine solide Bedarfsanalyse stehen. Das Rasensystem sollte maßgeblich von der tatsächlichen Nutzung und den Bedingungen vor Ort – etwa Temperaturen und Niederschläge – abhängig gemacht werden. Das hat uns als ISE in unserer Arbeit im Sinne einer bedarfsorientierten Sportstättenentwicklungsplanung bestärkt. Denn nichts wäre schlimmer, wenn man den Bau eines Sportplatzes übereilt und dann feststellt, dass es das falsche Rasensystem war.

Ihr Tipp an die Vereine?
Brechen Sie solche Baumaßnahmen nicht übers Knie. Es gibt viele Expert*innen im Bereich des Sportplatzbaus wie auch im Feld der Bedarfs- und Umfeldanalyse. Machen Sie von den Unterstützungsmöglichkeiten Gebrauch, um eine objektive und nachhaltige Grundlage für Ihre Entscheidungen zu schaffen.