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„Weicher Standortfaktor“ Sport – oft entscheidend im harten Kampf um Humankapital

Symposium zum Einfluss von Sport und Bewegung auf Stadt- und Raumentwicklung

2012_lsb_symposiumDie Referentenriege beim LSB-Symposium: Dr. Werner Pitsch, Prof. Dr. Eike Emrich, Diplom-Betriebswirt Sebastian Schneider und Prof. Dr. Ing. Gerhard Steinebach (v.l.). Foto: Michael Heinze

Zu jeder Gemeinde gehört ein Sportplatz, ein Schwimmbad und ein jährliches Sportereignis oder Sportfest - dies führt zu „Eurythmie“, zu Glück und Zufriedenheit. Prof. Dr. Eike Emrich, Vorsitzender des Kuratoriums Sportwissenschaft des Landessportbundes Rheinland-Pfalz, zitierte beim LSB-Symposium unter dem Motto „Einfluss von Sport, Bewegung und Sportstätten auf Stadt- und Raumentwicklung“, zu dem der Landessportbund in Kooperation mit dem Städtetag, dem Gemeinde- und Städtebund, dem Landkreistag von Rheinland-Pfalz sowie der Technischen Universität (TU) Kaiserslautern geladen hatte, Pierre de Coubertin, den Begründer der modernen Olympischen Spiele.

Bei gleichen vorliegenden harten Standortfaktoren entscheiden über die Ansiedlung neuer Betriebe oder den Verbleib des „Humankapitals“ - junger und gut ausgebildeter Menschen - immer die weichen Standortfaktoren, so Emrich. Und ein ganz wichtiger weicher Standortfaktor ist der Sport.

Kritische Töne schlug Winfried Manns, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz, an. „Von den 20 am höchsten verschuldeten Kommunen in Deutschland liegen sieben in Rheinland-Pfalz – und Kaiserslautern nimmt da die Spitzenposition ein“, gab der der Politiker aus Konz zu bedenken. „Da müssen wir uns sehr genau überlegen, wie wir Sportentwicklung vernünftig betreiben können. Wir müssen ganz anders als bisher darüber nachdenken, wie interkommunale Zusammenarbeit an dieser Stelle vernünftigerweise stattfindet.“ Es sei notwendig, auch die Investitionen in Sportinfrastruktur wie etwa den Bau eines Schwimmbades „zu begrenzen auf das, was man sich wirklich noch leisten kann“. Manns Fazit: „Wir müssen uns in Zukunft sehr viel mehr interkommunal mit dem Sport als Standortfaktor auseinandersetzen.“

Bei dieser Auseinandersetzung spielen Sportstättenentwicklungspläne eine wichtige Rolle. In den zuständigen Ministerien gibt es aber wenig Interesse am Thema Sportentwicklungsplanung, was Emrich bedauerte. „Den Wunsch, in den Ministerien in Rheinland-Pfalz Bereitschaft zu finden und Interesse zu wecken, teile ich“, sagte Emrich vor rund 70 Zuhörern - darunter zahlreiche Bürgermeister rheinland-pfälzischer Kommunen, der kommunalen Sportverwaltung sowie des organisierten Sports. „Meine Erfahrungen sind gegenteilig. Dort gibt es wenig Entgegenkommen.“

Prof. Dr. Ing. Gerhard Steinebach, Inhaber des Lehrstuhls für Stadtplanung an der TU Kaiserslautern, bedauerte die relative rechtliche Unverbindlichkeit von Sportentwicklungsleitplänen, ganz im Gegensatz zu Bebauungsplänen oder Landschaftsrahmenplänen. Der Raumplaner forderte deshalb die Vernetzung von Sport- und Kommunalentwicklungsplanung. Steinebach präsentierte einen aktuellen Zwischenstand und Ergebnisse des Forschungsprojektes „Gesunde Kommune - Sport und Bewegung als Faktor der Stadt- und Raumentwicklung“. Nach Aussage des Experten sind 45 Prozent der Sportvereine vom demografischen Wandel betroffen. In Ostdeutschland werde es „tatsächlich einen Rückgang der Mitgliederzahlen“ geben, in Westdeutschland „weniger einen Rückgang, stärker eine Ausdifferenzierung“. In den 60er Jahren habe es 30 verschiedene Sportarten gegeben, heute 240. Im Fokus von Steinebachs Forschungsprojekt steht die künftige Leistungsfähigkeit von Sport, Bewegung und Vereinen bei der Entwicklung der Kommunen. „Wir gehen davon aus, dass der Sport bestimmte Leistungen erbringt, die entstehen können, aber nicht entstehen müssen - in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Ökonomie und Ökologie.“ Steinebach brachte den Begriff der „spezifischen Standortbegabung“ ins Spiel, die mit räumlichen Voraussetzungen zusammenhänge. Der Sport spiele in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

In den Expertengesprächen sei die „herausragende Bedeutung von Sport und Bewegung für die jeweilige Untersuchungskommune“ deutlich geworden. Genauso „die Bedeutsamkeit der Sportvereine als gesellschaftliche Akteure und deren Beitrag zum sozialen Zusammenhalt, auch die „erheblichen Zunahme im Trend zum selbstorganisierten Sporttreiben – fast 50 Prozent der Bevölkerung tun das außerhalb des organisierten Sports – und daraus resultierende Anforderungen an Sporträume“ sowie die „eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten zur Förderung von Sport und Bewegung als zunehmendes Problem“.

Steinebach zeigte diverse Handlungsansätze für Sportstättenplanung und räumliche Planung auf. In baulich-räumlicher Hinsicht nannte der Dekan des Fachbereichs Raum- und Umweltplanung an der TU Kaiserslautern die „verstärkte Qualifizierung öffentlicher Räume als multifunktionale nutzbare Standorte für informelles sowie vereinsgebundenes Sporttreiben durch die Anpassung bestehender öffentlicher Flächen, die Um-, Neu- und Zwischennutzung von Baulücken, Brachflächen und Leerständen“ – beispielsweise von Läden oder Betrieben - oder die „Schaffung multifunktionaler, dezentral verteilter und wohnungsnaher Angebote zum Sporttreiben durch Bestandentwicklung und Nachverdichtung“. In förderrechtlicher Hinsicht müsse die schwerpunktmäßige Orientierung auf Wettkampf- und Leistungssport überdacht werden, außerdem sei eine „Flexibilisierung der in den Landesgesetzen zur Sportförderung enthaltenen Richtlinien im Hinblick auf räumliche Fragestellungen“ ratsam. In planerischer Hinsicht sei die engere Verknüpfung der Sportstättenrahmenpläne und Sportstättenleitpläne mit sonstigen Instrumenten der räumlichen Planung wichtig.

Zu den ökonomischen Auswirkungen regionaler Sportveranstaltungen am Beispiel der Summer Games in Limburg referierte Diplom-Betriebswirt Sebastian Schneider vom Fachbereich Betriebs- und Sozialwirtschaft der Fachhochschule Koblenz/RheinAhrCampus Remagen, während Dr. Werner Pitsch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sportwissenschaftlichen Institut der Universität des Saarlandes, das Auditorium über Sportstättenentwicklungsplanung in einer mittleren Kommune am Beispiel von Neunkirchen informierte.

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