„Warum keine Doppel- oder Dreifachspitze?“

6. Ehrenamtsforum des LSB in Mainz gibt wertvolle Praxistipps zur Vereinsentwicklung

Engagiert und ideenreich: Die Ehrenamtler Hanne Scheib (TV Odernheim/vorne), Fritz Schwarz (SV Laudert-Wiebelsheim/Mitte), Winfried Schmitt (VfL Fontana Finthen/hinten rechts) & Co. beim Brainstorming an einem der Thementische. Foto: M. HeinzeDamit die Sportvereine mit den Veränderungen in der Gesellschaft und im Ehrenamt umgehen können, braucht es eine systematische Vorgehensweise. Ein Modell zur strukturierten Ehrenamtsförderung skizzierte Dr. Daniel Illmer von der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) beim 6. Ehrenamtsforum, zu dem der Landessportbund Rheinland-Pfalz ins Konferenzzentrum der Verlagsgruppe Rhein Main nach Mainz geladen hatte.

Vor fast 100 Mitgliedern rheinland-pfälzischer Vereine und Verbände hatte Petra Regelin, LSB-Vizepräsidentin für Bildung, zu Beginn deutlich gemacht, dass die Engagementquote im Sport in den vergangenen fünf Jahren auffällig zurückgegangen ist. Um 650.000 Menschen bundesweit. „Das ist richtig viel“, urteilte Regelin. „Und es wird immer schwieriger, Vorstands- und Leitungsfunktionen zu besetzen.“ Ehrenamtliche Funktionsträger zu gewinnen und zu binden sei für die Sportvereine das Problem Nummer eins. Laut der LSB-Vizepräsidentin braucht es „neue, bewegliche Strukturen, müssen wir anders kommunizieren und mehr Menschen in unsere Entscheidungen einbeziehen“. Die Vereine müssten zudem hip genug sein, um auch Jugendlichen Lust zu machen, als Teil des Teams Verantwortung zu übernehmen. Sie müssten den Mut haben, offen zu sein für Veränderungen.

Daniel Illmer betonte, vielen Vereinen mangele es an einem systematischen Freiwilligenmanagement. Er erläuterte, dass man vier Phasen des freiwilligen Engagements unterscheide – Interesse, Einstieg, Entwicklung, Beendigung – in denen es jeweils unterschiedliche Bedürfnisse gebe. Daran anknüpfend beschrieb er zehn Aufgaben, denen sich ein Verein widmen könne. „Kein Verein muss alles gleichzeitig machen“, stellte der 41 Jahre alte Sportwissenschaftler klar. „Aber er hätte Ansatzpunkte in zehn Bereichen.“ Über allem stehe, dass das freiwillige Engagement insgesamt als positives Erlebnis wahrgenommen werden müsse. „Sorgen Sie für gute, attraktive Ziele, die Lust machen, sich zu beteiligen“, legte Illmer den Vereinsmitarbeitern ans Herz. Keineswegs sollte man sich scheuen, Menschen zu fragen, ob sie nicht gerne im Verein mitarbeiten wollten. „Die Chance ist groß, dass sie dann ja sagen. Und wenn nicht, werden sie es trotzdem als Ehre empfinden, gefragt worden zu sein.“

„Warum auch nicht einmal probieren, eine Doppel- oder Dreifachspitze einzusetzen?“, fragte der aus Hessen stammende Experte, der selbst schon seit 22 Jahren ehrenamtlich aktiv ist, rhetorisch. „Der dänische Turnerbund hat es vorgemacht mit drei Vorsitzenden.“ Angesagt sei auch eine „systematische Müllabfuhr“. Man müsse immer wieder reflektieren, welche Aufgaben notwendig seien und welche man eigentlich gar nicht mehr brauche – und guten Gewissens auslagern könne. Von letzteren solle man sich konsequent trennen, um so für zeitliche Entlastung zu sorgen.

Strategien für Veränderungsprozesse nannten Birger Hartnuß (Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz) sowie die Vereinsvertreter Christiane Ebrecht (TSV Taunusstein-Bleidenstadt) und Jörg Emmerich (SSV Heimbach-Weis) in einer von Petra Regelin moderierten Talkrunde. „Die Vorstandmitglieder, die eigentlich nichts mehr machen wollen, aber trotzdem an ihren Posten kleben bleiben, müssen den Mut haben, nein zu sagen, um so anderen die Chance zu geben, Aufgaben im Verein zu übernehmen“, nannte Ebrecht ihre Kernbotschaft. „Es ist wichtig, auch im Funktionärsbereich Nachwuchsarbeit zu betreiben“, urteilte Emmerich. „Man muss den Leuten mehr mit Aufgaben kommen als mit Ämtern, Aufgaben portionieren und junge Menschen Schritt für Schritt heranführen.“ Wenn man bei dem einen oder anderen Jugendkicker erkenne, dass er es in den nächsten 100 Jahren wahrscheinlich nicht mehr zum Nationalspieler bringen würde, könne man ihn vielleicht als Stadionsprecher gewinnen. „Klugscheißende Abiturienten sind vielleicht als Schiedsrichter gut geeignet“, sagte Emmerich augenzwinkernd. Pfiffig sei es in jedem Fall, kleinere Zeit- und Aufgabenpakete zu schnüren.
 

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