Koblenzer Rennrad-Team Lotto Kern-Haus bereitet sich in Oberjoch auf Deutschlandtour vor

Hervorragende Bedingungen im Haus RLP und in den Allgäuer Hochalpen / Knallhartes Intervallprogramm in über 1.200 Metern Höhe fordert seine Opfer

Angeführt von Joshua Huppertz (vorne links) treten die Asse des Lotto Kern-Haus vor traumhafter Kulisse in die Pedale. Foto: M. HeinzeVor idyllischer Bergkulisse hat sich Mitte August ein knappes Dutzend Leistungssportler aus Rheinland-Pfalz ordentlich geschunden: Die Rede ist vom Rennrad-Team Lotto Kern-Haus. Im Haus Rheinland-Pfalz in Oberjoch in den Allgäuer Hochalpen, nur einen Katzensprung von der österreichischen Grenze entfernt, machten sich die Asse von Teamchef Florian Monreal fit die anstehende Deutschlandtour, die am 28. August in Hannover beginnt und am 1. September in Erfurt endet. SportInForm besuchte die Radprofis im Trainingslager in über 1.200 Metern Höhe.

„Als rheinland-pfälzisches Team ist es perfekt für uns, im Haus Rheinland-Pfalz in Oberjoch zu trainieren“, schwärmte der 33 Jahre alte Monreal, der im sechsten Jahr als Sportlicher Leiter des erfolgreichen Rennstalls fungiert, schon nach dem ersten Tag. „Hier gibt es für sämtliche Trainingseinheiten die passenden Routen.“ Und Trainingseinheiten absolvierten die zehn Sportler zwischen 18 und 26 Jahren zwischen dem 12. und 18. August eine ganze Menge. Fünf, um genau zu sein. Wie viele Kilometer und wie viele Höhenmeter die Joshua Huppertz, Kim Heiduks und Jan Huggers dabei schrubbten, ist schwer zu sagen. „750 dürften es aber schon gewesen sein“, schätzt der gelernte Bürokaufmann und studierte Betriebswirt Monreal, der seit über zwei Jahren im Sponsoring bei Lotto RLP in Koblenz arbeitet. Sinn und Zweck der Leibesübungen war es, sich den finalen Feinschliff für die Deutschlandtour zu holen. Schließlich will das „pro cycling team“ bei der einzigen deutschen Profi-Rundfahrt topfit präsentieren. Und den bisherigen Erfolgen – das Team hat 2016, 2017 und auch 2018 die Rad-Bundesliga gewonnen und stellt den deutschen Meister im Mannschaftszeitfahren 2017 – weitere hinzufügen. Mit Jonas Rutsch konnte ein Ausnahmekönner, der in diesem Jahr das Weltcuprennen Gent-Wevelgem gewonnen hat sowie als Fünfter bei der Flandern-Rundfahrt und Zehnter der Luxemburg-Rundfahrt glänzte, nicht in Oberjoch dabei sein. Er weilte bei der Tour de L’Avenier, in der Szene bekannt als die „Tour de France für U23-Fahrer“.

„Wir sind bereits am Anreisetag noch locker eine Stunde gerollt und haben ein gemeinsames Core-Programm absolviert“, blickte Monreal in den Rückspiegel. „Am zweiten und dritten Tag haben wir zwei lange Trainingseinheiten von bis zu siebeneinhalb Stunden mit Intervallen absolviert.“ Einmal radelten die Profis sogar bis nach Bregenz, Hauptstadt des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg, sowie zum Furkajoch in 1.761 Meter Höhe. Laut Radcomputer eine Rundfahrt von strammen 213 Kilometern. Und ein Trip nicht ganz ohne Opfer. Bei Richard Weinzheimer gab während eines Anstiegs im knallharten Intervallprogramm die stählerne Kurbelachse ihren Geist auf und zerbarst mit einem sachten Knacks. Tag Nummer vier diente der aktiven Erholung. Hier begaben sich die drahtigen Kerle „nur“ ein bis zwei Stunden locker auf ihre 7,4 Kilo leichten und bis zu 9.000 Euro teuren Rennmaschinen, die bergab auf bis zu 110 km/h beschleunigt werden können – und mit dem Drahtesel eines Ottonormalbürgers in etwa so viel gemein haben wie ein Gogo mit einen Porsche 911. Dabei genehmigte sich der Trupp ein zweites süßes Frühstück im Tannheimer Tal. An den letzten drei Tagen an der Deutschen Alpenstraße spulten die Jungs in den schwarz-gelben Jerseys dann täglich noch einmal fünf bis sechs Stunden auf ihren Rädern herunter. Krafteinheiten am Berg und sogenannte VO2max-Intervalle – darunter versteht man Programme zur Optimierung der Sauerstoffaufnahme – inklusive. Neben den Radsportlern war das Team Lotto Kern-Haus auch mit einem Betreuer-Trio vor Ort – zwei Mechaniker und eine Dame für die Verpflegung.

„Das besondere an unserem Team ist, dass es aus einer familiären Struktur heraus organisiert wird und sich das familiäre Gefühl im Zusammenhalt des Teams spiegelt“, macht Florian Monreal deutlich. „Mein Vater Wilfried – auch ´Die Bombe´ genannt – ist als Mechaniker im Einsatz, meine Mutter Brigitte als Buchhalterin und in der Verpflegung und ich eben als Teammanager und Sportlicher Leiter.“ Wie der Name schon sagt sind Lotto Rheinland-Pfalz und Kern-Haus die beiden Hauptsponsoren des Teams und stemmen den Großteil des Budgets. Nicht vergessen darf man laut Monreal allerdings auch „unsere Materialsponsoren Simplon als Radhersteller und Shimano, die uns mit Schaltgruppen und Laufrädern ausstatten“. Darüber hinaus habe man Gönner, die in Sachen Kleidung, Ernährung, Trainingswissenschaft, Technik und weiterem Materialbedarf wertvolle Unterstützung leisten. „Summa summarum sprechen wir dabei über einen Jahresetat von etwa 500.000 Euro“, nennt der gebürtige Weitersburger eine Hausnummer, für den jetzt schon feststeht: „Im Sommer 2020 werden wir ins Haus Rheinland-Pfalz wiederkommen.“ Und dann wollen die Twens mindestens neun Tage dort bleiben, wo andere Urlaub machen…

Rückkehr nach Oberjoch für Sommer 2020 fest eingeplant
„Nächstes Jahr werden wir wieder ein Trainingslager in Oberjoch durchführen – und sogar noch etwas länger bleiben, um zwei vernünftige Dreierblöcke zu fahren“, kündigt Florian Monreal, Sportlicher Leiter des Teams, an. „Dann werden wir im Juli während der Tour de France auch mit der ganzen Mannschaft, mit allen Athleten – also mit mindestens 14 Fahrern plus Betreuer – kommen, um nach Sommerpause den Grundstein für eine erfolgreiche zweite Jahreshälfte zu legen.“ Die Bedingungen im Haus Rheinland-Pfalz seien „super“, urteilt der 33-Jährige. „Wir haben hier eine große Turnhalle, in der wir Stabilisationsübungen machen und auch Basketball oder Tischtennis spielen können – und nebendran einen großen Kletterraum.“ Wichtig sei, dass sich seine Jungs in dem heilklimatischen Kurort auch mal abseits des Rennrads sportlich betätigen könnten.
„Das Preis-Leistungs-Verhältnis im Haus Rheinland-Pfalz ist hervorragend“, resümiert Monreal. „Und in dieser tollen Umgebung kann man auch einen Ruhetag mit einer Wanderung etwa rauf auf den Iseler mit seinen 1876 Metern aktiv gestalten.“ Gerade auch für Radsportgruppen stelle die Region „ein ideales Gefilde“ dar.
In einem Jahr wolle man „hier geführte Touren für Hobby-Radsportler anbieten, denen man die Chance eröffnen wolle, „einmal hautnah dabei zu sein bei einem jungen Profi-Radteam.“