Von Burnout, Schlafentzug und Verletzungen mit Ansage

100 Bundestrainer treffen sich in Mainz zum fachlichen Austausch rund um den Themenkomplex Gesundheit / Neues Format der Leistungssportkonferenz bewährt sich

Praxisnah: Prof. Dr. Hauke Mommsen (schwarzes T-Shirt) lud die Bundestrainer (ganz links Jie Schöpp, Trainerin der deutschen Tischtennis-Frauen) zu einer Expertensprechstunde rund ums Thema Osteopathie ein. Fotos: M. HeinzeHundert Trainer aus allen Ecken der Republik waren Ende Oktober bei der Bundestrainer-Konferenz mit von der Partie, zu der der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) unter dem Motto „Gesundheit im Leistungssport – Fundament für Erfolg“ ins Kurfürstliche Schloss nach Mainz geladen hatte. Laut Dirk Schimmelpfennig, DOSB-Vorstand Leistungssport, tagte dabei das gesamte „operative Netzwerk des deutschen Leistungssports“, denn parallel fanden im Hilton Hotel auch die OSP-Leiter-Tagung, die Sportdirektoren-Konferenz und Tagung der der Leistungssportreferenten statt, ehe am Abschlusstag bei den Regionalen Zielvereinbarungen inklusive Podiumsdiskussion zu den Entwicklungen im deutschen Leistungssport die gesamte Leistungssport-Familie im Großen Saal des Schlosses zusammenkam.

Das neue Format der Leistungssportkonferenz hat sich laut DOSB aus der Weiterentwicklung der Bundestrainer-Konferenz ergeben und sei „allseits als wichtiger Schritt in die richtige Richtung mit weiterem Potenzial eingestuft“ worden. Die Bundestrainer-Konferenz bildete als einziger zweitägiger Tagungsstrang das Herzstück des Konferenzsettings. Dass man sich darüber hinaus auf Regionale Zielvereinbarungen als verbindliches Steuerungsinstrument des Leistungssports auf regionaler Ebene verständigte, bezeichneten viele der Protagonisten als einen großen Fortschritt. Die Regionalen Zielvereinbarungen dienen vor allem dazu, den Nachwuchsleistungssport und den Spitzensport enger zu verzahnen und den Nachwuchsleistungssport bis hin zum Spitzensport zu entwickeln. Bisher gibt es ein eher heterogenes Bild. Künftig sollen alle beteiligten Akteure des Leistungssports (Spitzenverbände, Landessportbünde, Landesfachverbände, Olympiastützpunkte) gemeinsam festlegen, welche Rahmenbedingungen an einem Standort gegeben sind bzw. geschaffen werden müssen. Dabei werden übergeordnete Verantwortlichkeiten, Richtlinienkompetenzen und Direktionsrechte genauso festgelegt wie die Aufgaben jedes einzelnen Partners.

Die Bundestrainer – darunter neben vielen eher unbekannten Trainern auch so prominente Gesichter wie Basketball-Coach Henrik Rödl, Tischtennis-Frauentrainerin Jie Schöpp oder Wasserball-Ikone Hagen Stamm – widmeten sich nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Lutz Thieme, Präsident des LSB Rheinland-Pfalz, intensiv dem Gesundheitsmanagement und seinen vier Säulen der Sporternährung, der Sportphysiotherapie, der Sportpsychologie und der Sportmedizin. Nach Vorträgen im Plenum bot sich ihnen die Möglichkeit, in praxisnahen Workshops ausgewählte Aspekte zu vertiefen.

„Burnout ist, wenn man in einen Zustand kommt, wo man keine Luft mehr bekommt und überfordert ist mit der Situation“, machte der Sportpsychologe und Mentalcoach Dr. Sebastian Altfeld deutlich. „Keine psychische Erkrankung, kein Krankheitszustand, sondern ein Risikozustand, aus dem verschiedene Krankheiten entstehen können.“ In Stresssituationen schalte man gewissermaßen den Autopiloten an und greife auf alte Verhaltensweisen zurück. Altfelds These: „Man muss Stress haben, um besser zu werden und um Leistung zu bringen – aber man muss auch zwischendurch Erholungszeiten einbauen.“

Dr. Claudia Osterkamp-Baerens ging der Frage auf den Grund, ob Sporternährung die Leistungsentwicklung im Spitzensport beeinflussen kann. Dabei zitierte die Forscherin aus Bayern auch eine Ernährungsberatungsstudie mit australischen Topathleten über fünf Jahre. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit, das gesteckte Saisonziel zu erreichen, siebenmal höher, wenn ein Athlet mehr als 80 Prozent der Trainingseinheiten wie vom Trainer geplant durchführen kann. „In den letzten fünf, sechs Jahren zeichnet sich ab, dass die Ernährung einen größeren Anteil auf die sportlichen Leistungen hat, als wir angenommen hatten“, so Osterkamp-Baerens. „Die Energieversorgung hat einen großen Einfluss auf die Verletzungshäufigkeit und Infektanfälligkeit.“ Für Spitzensportler sei sie eine zentrale Stellschraube.

Hans Braun vom OSP Rheinland und der Deutschen Sporthochschule Köln betonte, bei vielen Nahrungsergänzungsmittel sei „der Nutzen im besten Fall als fragwürdig einzustufen“. Manchmal enthielten diese Präparate Mittel, die die Gesundheit gefährdeten und etwa Leberschäden hervorriefen. „Das ist dann nicht nur ein Dopingproblem, sondern eigentlich Körperverletzung.“ Auch die angegebenen Mengen stimmten öfters nicht. Manche Mittel seien durch Schwermetalle kontaminiert. Dagegen wirkt die erste Nebenwirkung von einem Überkonsum an Magnesium – Durchfall – fast schon harmlos.

Gravierende Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit hat na klar auch das Schlafverhalten. Schon Schopenhauer wusste: „Der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehen für die Uhr.“ Und Prof. Dr. Daniel Erlacher von der Universität Bern pflichtete dem vor über 150 Jahren in Frankfurt verstorbenen Philosophen bei. Allerdings sei die Antwort auf die Frage, wie viel Schlaf nötig sei, um ausgeruht zu sein, nicht so einfach. Denn die Schlafanteile veränderten sich über die Lebensphasen. „Je älter man wird, umso weniger Schlaf braucht man“, so Erlacher. „Das Tageslicht ist der wichtigste Trigger bei der Schlafregulation.“ Sportliche Höchstleistung könne auch bei extremen Schlafentzug erbracht werde – „aber hier liegt der Teufel im Detail“. Fakt ist: Athleten mit einem hohen Tiefschlafanteil erbringen subjektiv starke Leistungen.

Zu den Highlights des Vortragsprogramms zählten nicht zuletzt auch die Ausführungen von Prof. Dr. Hauke Mommsen von der Fachhochschule Kiel rund ums Thema Osteopathie. „Osteopathie ist eine medizinische Denke“, schickte der aktuelle Mannschaftsarzt der U21-Nationalmannschaft des DFB voraus, der früher auch Doc bei den Handballern von THW Kiel und SG Flensburg/Handewitt sowie den Fußballern von Schalke 04 und FC St. Pauli war. „Es gibt kein Verletzungspech, wie häufig gesagt wird, sondern die Gründe, warum Sportler sich verletzen, liegen in so genannten Risikofaktoren begründet.“ Jede Verletzung habe eine Vorgeschichte. So hätten 80 bis 90 Prozent der Sportler, die einen Kreuzbandriss erleiden, in den Wochen zuvor Schmerzmittel geschluckt. „Die wichtigsten Risiken sind Vorverletzungen bzw. Verletzungen, die nicht gut auskuriert sind – das sind Störfelder.“ Lädierte Gelenke in eine Orthese zu packen, davon hält Mommsen nicht sonderlich viel. „Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man wieder umknickt.“ Überhaupt würden zu lange Ruhigstellungen heutzutage negativ gesehen.

GESUNDHEIT AUS TRAINER- UND ATHLETENSICHT
Aus der Praxis berichteten dazu nicht nur Experten, sondern auch die beiden Zehnkämpfer Kai Kazmirek und Niklas Kaul sowie Jürgen Wagner, Trainer des Jahres 2017 und Trainer der Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, in einer Diskussionsrunde.
„Maximale Qualität“ forderte Wagner für die Behandlung der Top-Sportler. Er sehe den deutschen Sport insgesamt auf einem sehr guten Weg, aber es gebe noch Punkte, die optimierbar seien: Die Honorarsätze für Ärzte, die für den deutschen Sport arbeiten, genügen aus Wagners Sicht diesem Qualitäts-Anspruch derzeit nicht, so dass beim medizinischen Personal in der Regel eine gute Portion Leidenschaft für den Sport im Spiel sein müsse.
Auch Kazmirek, der aufgrund einer Verletzung kurzfristig auf die Leichtathletik-EM in Berlin verzichten musste und seinen Startplatz an den Nachwuchsmann Kaul abgab – der daraufhin einen hervorragenden Wettkampf ablieferte und Vierter wurde – wünscht sich eine noch bessere und schnellere Unterstützung im Verletzungsfall. Kaul freute sich, dass er bislang von schweren Verletzungen verschont geblieben ist. Der Saulheimer betonte in diesem Zusammenhang, er würde seinen Körper nicht ausbeuten oder gar ruinieren, nur um des kurzfristigen Erfolgs wegen: „Ich würde nicht alles für den Sport geben – ich möchte auch mit 50 noch Joggen können.“