„Den Bewegungsvirus ein Leben lang am Lodern halten“

Vortrag von Prof. Ingo Froböse zum Start der Bildungskampagne des rheinland-pfälzischen Sports in Mainz

Zeit für Bewegung nehmen: Das war der Appell von Prof. Dr. Ingo Froböse bei seinem Vortrag in Mainz. Foto: M. HeinzeWer sich heute keine Zeit für seine Bewegung nimmt, wird sich später ganz viel Zeit für seine Krankheiten nehmen müssen. Der letzte Satz des renommierten Sportwissenschaftlers Prof. Dr. Ingo Froböse in seinem ebenso launigen wie lehrreichen Vortrag unter dem Motto „Das habe ich beim Sport gelernt“ hinterließ sicherlich bei vielen der knapp 300 Besuchern in der bestens gefüllten Mensa des Otto-Schott-Gymnasiums nachhaltige Wirkung.

„Sport hat viel mit Freude und Genuss zu tun“, betonte der Universitätsprofessor für Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln, der auf Einladung des Landessportbundes und zahlreicher angegliederter Organisationen des rheinland-pfälzischen Sports in der Landeshauptstadt zu Gast war – und dem die tägliche Bewegung ein ganz besonderes persönliches Bedürfnis ist. Seine klare Botschaft: „Das Wichtigste ist, dass wir den Bewegungsvirus ein Leben lang am Lodern halten.“ In den klassischen Turnvereinen sei einst im Winter geturnt und im Sommer der Leichtathletik gefrönt worden. Laut Froböse die essenziellsten Sportarten, auf denen man alles andere aufbauen könne. Damit habe man die wichtigsten Grundmuster der Bewegung intus gehabt. Heute spezialisierten sich die Kinder immer früher. Hangeln, Hüpfen, Federn, Springen und Rollen – solche kindlichen Grundmuster verlören immer mehr an Bedeutung. Dabei seien sie die beste Sturzprävention.

Der frühere Deutsche Vizemeister über 100 Meter plauderte bereitwillig über die positiven Auswirkungen, die das gemeinsame Sporttreiben mit seiner Gattin auf seine Ehe habe. „Ich laufe fünfmal die Woche, davon dreimal zusammen mit meiner Frau, mit der ich seit 30 Jahren verheiratet bin, so der 60-Jährige, der immer noch als Sportabzeichen-Abnehmer agiert. „Sie erzählt dabei, ich sage ´Mmh´ und ´Jaja´ und ich höre dabei nicht alles, aber sie ist alles losgeworden – und das ist eine Ressource, die sehr intim und unschätzbar ist für uns und unsere soziale Bindung sehr stark schärft.“ Probleme, die beim Laufen artikuliert würden, hätten weitaus weniger Gewicht, als wenn man daheim auf der Coach sitzen und sich mit strengem Blick in die Augen gucken würde.

„Ich möchte nicht sagen, dass es früher besser war – es war anders“, befand Froböse. „Wir müssen heute viele Dinge, die uns die Umwelt genommen hat, kompensieren.“ Jedermann wisse, dass man weder Fitness noch Gesundheit käuflich erwerben könne. Fitness werde ausschließlich über die Hülle definiert, nicht über das Innenleben. „Die meisten fahren in der Hülle eine Ferrari und haben innendrin eine Trabi-Motor, mit dem man keine großen Leistungen vollbringen kann“, so der gebürtige Westfale. „Dass wir uns von der eigentlichen Sinnhaftigkeit des Trainings entfernt haben, macht mir große Sorgen.“

Fatal ist es in Froböses Augen, „dass wir es als völlig normal betrachten, dass wir von unserer Leistungsfähigkeit einen Verlust erfahren“. Die Muskelzellen im menschlichen Körper hätten nicht mehr als 15 Jahre auf dem Buckel und seien deswegen immer in der Lage, trainiert zu werden. Daher seien auch Senioren in der Lage, ihre Leistungsfähigkeit sehr lange auf einem sehr hohen Niveau zu halten. „Es ist niemals zu spät, um mit dem Sport zu beginnen und es lohnt sich immer, in die eigenen Fähigkeiten zu investieren – und das ein Leben lang“, so Froböse. Bewegung bringe Mobilität, Selbständigkeit und Unabhängigkeit sowie eine hohe Lebensqualität und sei bestens geeignet, „die Leidensjahre deutlich zu verkürzen“. Mithin berge sie ein großes gesellschaftliches Potenzial. „Wir müssen so früh und so intensiv wie möglich in unsere Muskulatur investieren.“

Zwischen dem achten und dem zwölften bis vierzehnten Lebensjahr sei die beste Phase des motorischen Lernens. Wenn man diese Phase verpasse, sei es unheimlich schwierig oder sogar unmöglich, die Rückstände wieder aufzuholen. „Sport in diesem Jugendalter hat ganz viel mit Intelligenz zu tun“, so Froböse. „Wir können immer davon ausgehen, dass Sport in jedem Lebensalter Lernstrukturen insgesamt positiv beeinflusst.“ Das merke man zum Beispiel daran, dass das Lernen von Vokabeln viel leichter falle, wenn man sich dabei bewege als wenn man starr an seinem Schreibtisch sitzt – weil man sich in bewegtem Zustand einfach besser konzentrieren könne und „die Poren offen“ seien. Sehr erfreulich sei es, wenn in Zukunft auch die Politik das enorme Potenzial von Sport und Bewegung erkenne, betonte Froböse abschließend

„Wir haben uns riesig gefreut, dass Professor Froböse zu uns nach Mainz gekommen ist“, betonte Petra Regelin, LSB-Vizepräsidentin Bildung und Initiatorin der neuen Bildungskampagne des rheinland-pfälzischen Sports. „Als zweites Highlight haben wir den Startschuss zur Bildungskampagne abgefeuert.“ Unter dem Motto „Das habe ich beim Sport gelernt“ wolle man etwas verändern. „Wir möchten das Bild, das jeder einzelne in seinem Kopf hat, wenn er an Sport denkt, erweitern.“ Ziel der Kampagne sei es, den Blick auf den Vereinssport um den Aspekt des Lernens beim Sport zu erweitern. „Diese Kampagne möchte nichts geringeres, als deutlich zu machen, dass Sport auch Bildung ist, dass Sport und Bildung zusammen gehören.“ Das enorme Bildungspotenzial, das dem gemeinsamen Sporttreiben im Verein innewohne, solle in den nächsten Jahren aufgezeigt und - auch in der Politik - ein Bewusstsein dafür geschaffen werden.