Radsport: Mega-Erfolge bei der Kunstrad-DM

2014 radsport hand-drauf1 fSehnse, des is määnzerisch: Die Deutschen Meisterinnen Katrin Schultheis (l.), Julia Sprinkmeier und Trainer Marcus Klein feiern die 11. WM-Qualifikation in Folge auf ortsübliche Weise. Foto: J. FriedsamMehr geht nicht: Mit drei Titeln und einem zweiten Platz kehrten die rheinhessischen Kunstradfahrerinnen und Kunstradfahrer von den Deutschen Meisterschaften in Denkendorf zurück. „Eigentlich unfassbar“ nennt Marcus Klein, Vorsitzender des rheinhessischen Radsportverbandes, was die „goldene Generation“ seines Verbandes da geleistet hat.

André und Benedikt Bugner verteidigten erwartungsgemäß ihren Titel im 2er-Kunstradfahren. Der Titelgewinn von Katrin Schultheis und Sandra Sprinkmeier sowie der zweite Platz von Nadja und Julia Thürmer im 2er der Frauen waren da schon weniger selbstverständlich, weil sie dafür immerhin die amtierenden Weltmeisterinnen schlagen mussten.

Fast sensationell ist dagegen nach dem bisherigen Saisonverlauf der Sieg von Lisa Hattemer im Einzel der Frauen zu nennen. Die 22-jährige Athletin vom RSV Gau-Algesheim hatte 2014 noch nicht an ihre überragende Form des Vorjahres anknüpfen können, in dem sie Vizeweltmeisterin geworden war. Ihr Potenzial als Nummer zwei in der Welt und damit als mögliche Nachfolgerin der Weltmeisterin Corinna Biethan konnte sie bei den German Masters 2014 nicht ausschöpfen: In keinem der drei Masters hatte sie es auch nur ins Finale der drei Besten geschafft. Immer wieder unterliefen ihr Patzer und ihre Konkurrentinnen zogen das eine um das andere Mal an ihr vorbei. Andere hätten die sprichwörtliche Flinte wohl längst ins Korn geworfen und die Saison 2014 abgehakt. Dass sie dies nicht tat, sondern weiter an ihrer Chance arbeitet, zeichnet sie in besonderem Maße aus. Nun fand sie ausgerechnet bei den deutschen Titelkämpfen ihre Form wieder und verwies sämtliche Konkurrentinnen auf die Plätze – verdienter Lohn für diese Energieleistung.

Die spannendsten Wettkämpfe im Kunstradsport finden seit Jahren schon im 2er der Frauen statt. Das Jahr 2014 toppte alles bisher Dagewesene. Hauptdarstellerinnen in diesem Duell der weltbesten Frauen-Paarungen sind die amtierenden Weltmeisterinnen Jasmin Soika und Katharina Wurster vom SV Mergelstetten, die fünffachen Weltmeisterinnen Katrin Schultheis und Sandra Sprinkmeier vom RSV Mainz-Ebersheim sowie die amtierenden deutschen Meisterinnen Nadja und Julia Thürmer vom RSV Mainz-Finthen. Spannend wie die ganze Saison verlief auch der Wettkampf in Denkendorf. Während Soika/Wurster sich im Vorkampf noch von den Thürmer-Schwestern und Sprinkmeier/Schultheis durchsetzten, drehten die Ebersheimerinnen im Finale den Spieß um und sicherten sich den Titel vor ihren Lokalrivalinnen aus Finthen und den amtierenden Weltmeisterinnen.

Mit einer Wette auf den Sieg im 2er Kunstfahren der offenen Klasse wäre in Denkendorf nicht viel Geld zu verdienen gewesen. Zu überlegen sind André und Benedikt Bugner schon während der gesamten Saison. „Aber vor jedem Wettkampf haben alle die gleiche Punktzahl, nämlich null und auch wir müssen unsere Kür erstmal nach Hause fahren“ so André Bugner. Dass die Brüder vom RSV Klein-Winternheim dies auch in Denkendorf souverän und mit uhrwerksgleicher Präzision schafften, zeigt eine ihrer vielen Qualitäten. In dieser Form dürften sie auch bei den kommenden Weltmeisterschaften in Tschechien nicht zu schlagen sein.

Wenn nach der optimalen Ausbeute in Denkendorf überhaupt etwas die Laune der rheinhessischen Kunstradfahrerinnen und Kunstradfahrer trüben konnte, dann war es die Qualifikation zu den Weltmeisterschaften in Brünn. Hier verfügt jede Nation – und so auch Deutschland – nur über zwei Startplätze. Die Nominierungskriterien standen schon lange fest: Die in den Vorkämpfen und Finals der German Masters und dem Vorkampf der Deutschen Meisterschaften erzielten Punkte werden abzüglich zweier Streichergebnisse addiert. Die beiden Erstplazierten fahren zur WM, der Rest bleibt zuhause. So klar, so brutal: Während die Bugners damit kein Problem hatten – sie haben sämtliche Wettkämpfe gewonnen – geht es bei den Frauen wesentlich enger zu. Im Einer hatte sich die amtierende Weltmeisterin Corinna Biethan schon nach den German Masters uneinholbar an die Spitze gesetzt. Um den verbleibenden Startplatz entwickelte sich ein Dreikampf zwischen Viola Brand (RSV Unterweissach), Milena Slupina (TSV Bernlohe) und Lisa Hattemer. Die Gau-Algesheimerin hatte dabei die schlechteste Ausgangsposition, lieferte aber in Denkendorf einen glänzenden Vorkampf. Am Ende verpasste sie die WM-Qualifikation um 0,36 Punkte, ein Unterschied von weniger als einem halben Promille. Unterm Strich ergibt sich die etwas kuriose und für Lisa Hattemer unerfreuliche Situation, dass sie als amtierende Deutsche Meisterin nicht zur WM reisen darf.

Diese Erfahrung hatten Nadja und Julia Thürmer im Vorjahr in ähnlicher Form schon gemacht. Damals stand allerdings schon vor den Titelkämpfen fest, dass sie die WM-Qualifikation verpasst hatten. In diesem Jahr sah es aber anders aus: Bis zum allerletzten von sieben Wettkämpfen im nervenzerfetzende Duell zwischen den Weltmeisterinnen, den Weltrekordhalterinnen und den Deutschen Meisterinnen fiel die Entscheidung. Aber den Thürmers blieb das Pech treu: Sie müssen bei der WM zuschauen, nur um die Winzigkeit von 2 Punkten geschlagen. Dies ist für die beiden Fintherinnen umso bitterer, als sie ganz knapp geschlagen auch ihren deutschen Meistertitel an die Ebersheimer Paarung Sprinkmeier/Schultheis weiterreichen mussten.

Nach den großen Erfolgen wurden die Heimkehrer von ihren Vereinen mit Empfängen geehrt. Der RV Ebersheim hielt für Katrin Schultheis, Sandra Sprinkmeier und Trainer Marcus Klein ein besonders originelles Geschenk parat: Angesichts der rekordverdächtigen elften WM-Qualifikation in Folge überreichte der Vorsitzende Axel Pfannenschmidt entsprechend beschriftete Narrenkappen an das Trio.